Eltern auf Zeit gesucht! Kindern ein zweites Zuhause geben - ein lebendiger Info-Abend in Haar

Foto: Erstinformationsabend Haar - Blick in den Raum

Einen gut besuchten Info-Abend veranstaltete das Pflegekinder-Team des Landratsamts München am 4.11.2014 in Haar.

Foto: Erstinformationsabend Haar - Eltern auf Zeit Beziehung

Beispiel für eine gute "Eltern auf Zeit"-Beziehung: v.l.n.r. "Vater auf Zeit" Hans Dekker, Pflegekind Rene, "Mutter auf Zeit" Tineke Dekker, dahinter Birgit Voß, Leiterin des Pflegekinder-Teams, und Elke Strässle, ebenfalls vom Pflegekinder-Team.

Das Landratsamt München sucht weiter nach "Eltern auf Zeit", die Kinder aus schwierigen Familiensituationen bei sich aufnehmen. Beim zweiten Info-Abend am 4. November 2014 im Bürgerhaus Haar nahmen zahlreiche Interessierte teil.
Vertreterinnen des Pflegekinder-Teams und "Eltern auf Zeit" mit ihrem Pflegekind Rene beantworteten ihre Fragen.

"Unser Anliegen ist es, 'Eltern auf Zeit' zu gewinnen, damit wir Kindern ermöglichen, auch dann in einer Familie aufzuwachsen, wenn sie nicht mehr in ihrer eigenen Familie leben können", so eröffnete Birgit Voß, Leiterin des Pflegekinder-Teams des Landratsamts München, den Info- Abend im gut besuchten Kleinen Festsaal des Bürgerhauses Haar. "Am wichtigsten ist, dass das Kind bei 'Eltern auf Zeit' als neues Familienmitglied positive Bindungen erfahren und Halt finden kann."

Dringend gesucht werden Eltern auf lange wie auf kurze Zeit


"Schwere Krankheit der Herkunftseltern, Drogenabhängigkeit oder Haftaufenthalt sind Gründe dafür, dass Kinder aus Familien genommen werden müssen", erläuterte Max Zeidler, freier PR-Berater und Moderator des Informationsabends. "Eltern auf Zeit" bieten diesen Kindern oft den besten Halt und geben ein zweites Zuhause. "2013 hätten 35 Kinder unter zwölf Jahren in Pflegefamilien des Landratsamts München unterkommen können, wenn es genug gegeben hätte."

Um ein Pflegekind könnten sich verheiratete und unverheiratete Paare, aber ebenso alleinstehende Personen bewerben. Auch ältere Personen seien manchmal günstig als "Großeltern auf Zeit". Wichtig für Bewerber sei es, "einfühlsam, geduldig, belastbar und flexibel zu sein", betonte Voß.

Es gebe zwei Formen: Bei "Eltern auf lange Zeit" in der Vollzeitpflege blieben Kinder für mehrere Monate bis Jahre. Hier gehe es darum, enge familiäre Beziehungen aufzubauen. Anders bei "Eltern auf kurze Zeit" in der Bereitschaftspflege: Diese Form helfe bei einer akuten Notsituation und Kindeswohlgefährdung in der Herkunftsfamilie, um dem Pflegekind einen Schutzraum zu bieten, wo es zur Ruhe kommen könne. Entsprechend sei die Unterbringung vom Konzept her auf drei Monate begrenzt.

Eine pädagogische Ausbildung wird von "Eltern auf Zeit" nicht erwartet


Ob eine pädagogische Ausbildung für die Bewerbung notwendig sei, lautete eine Frage aus dem Publikum. Dies sei beim Landratsamt München, unabhängig vom Alter des Pflegekinds, nicht erforderlich, so Voß, die notwendige Qualifikation würde durch das mehrmonatige Bewerbungsverfahren und die stete Begleitung durch das Pflegekinder- Team sichergestellt.

Auch nach der Vereinbarkeit mit der Berufstätigkeit der möglichen "Eltern auf Zeit" wurde gefragt. Voß stellte fest, dass voll berufstätige Paare für "Eltern auf kurze Zeit" meist nicht in Frage kämen, da es oft sehr schnell zu einer Kindesaufnahme komme. "Eltern auf Zeit" hätten aber Anrecht auf Elternzeit und Kindergeld, wenn sie beruflich kürzer treten. Zu Elterngeld hingegen berechtige ein Pflegekind nicht, doch werde dies durch das Pflegegeld für den Unterhalt des Kindes aufgefangen. Es werde vom Landratsamt bezahlt und betrage bei "Eltern auf kurze Zeit" 100 € am Tag. Bei "Eltern auf lange Zeit" sei es altersabhängig gestaffelt, ab ca. 750 € im Monat.

Heute verlaufe die Bewerbung über mehrere Monate. Sie bestehe aus einem schriftlichen Teil, für den Bewerbungsunterlagen abgegeben werden müssen, danach Gesprächen zwischen dem Pflegekinder-Team und den potentiellen "Eltern auf Zeit" sowie Seminaren im Jugendamt zur Vermittlung von Grundlagen. Eine gute Übersicht biete das Papier "Acht Schritte zum Pflegekind". Am Ende werde für jeden Bewerber ein Kinderprofil erstellt, das deutlich mache, mit welchem Pflegekind die Pflegefamilie zusammenpasse.

Die ganze Familie in die Entscheidung zum Pflegekind einbeziehen


Der Präsentation folgte ein lebendiges Fragen- und Antworten-Gespräch. Mit dabei: die Pflegeeltern Tineke und Hans Dekker und ihr ehemaliges Pflegekind Rene, der heute 28 Jahre alt, im Baustoffhandel tätig ist und in Riem lebt. Seit ca. 1985 kümmert sich das Ehepaar Dekker um Pflegekinder und hat sechs Kinder für lange Zeit bei sich aufgenommen. Heute preist sich Rene glücklich, in seiner Pflegefamilie aufgewachsen sein zu dürfen. "Das sind meine Eltern", sagte Rene bestimmt. Und die Dekkers sind stolz auf ihn wie auf eines ihrer eigenen Kinder.

Das Bewerbungsverfahren für ein Pflegekind habe sich in den letzten 30 Jahren verändert, erzählte "Mutter auf Zeit" Tineke Dekker. So habe ihre Familie ihr erstes Pflegekind innerhalb weniger Tage erhalten.

Nicht unbedingt sei ein eigenes Zimmer Voraussetzung für ein Pflegekind. Wichtig sei es aber, dem Pflegekind Platz zum Ankommen geben zu können und einen eigenen Bereich. So komme es vor, dass sich Pflegekinder mit leiblichen Kindern ein Zimmer teilten. Auch deswegen würden während des Bewerbungsverfahrens die leiblichen Kinder befragt. Zwar träfen diese keine Entscheidung, aber dem Pflegekinder-Team sei es wichtig, die ganze Familie in die Entscheidungsprozess zum Pflegekind einzubeziehen. Das Team achte bei der Zuteilung von Pflegekindern auf eine harmonische Familienkonstellation. Bevorzugt sollen Pflegekinder jünger sein als die leiblichen Kinder. So falle die Integration leichter.

Der Herkunft Platz gewähren


Eine weitere Frage war, wie es sich bei Pflegekindern mit der Beziehung zu den leiblichen Eltern verhält. Als "natürlich und nicht immer einfach" bezeichnete Pflegekind Rene das Bedürfnis, mehr über seine Herkunftsfamilie zu erfahren. Hans Dekker hat dies bei seinen zahlreichen Pflegekindern beobachten können. "Mit 15, 16 Jahren fangen Pflegekinder an, sich für ihre Herkunft zu interessieren." Wichtig sei es, dies zuzulassen und zu fördern. Natürlich helfe das Jugendamt hier als Puffer in der Vermittlung.

Viele praktische Fragen wurden auch beim abschließenden Imbiss gestellt. "Wir würden uns freuen, wenn sich möglichst viele Interessenten zur Bewerbung melden", fasste Voß zusammen.

Nächster Informationsabend in Oberhaching am 20. Januar 2015


Ein weiterer Info-Abend findet am 20. Januar 2015 in Oberhaching statt. Mehr Informationen bietet die Internetseite www.elternaufzeit.landkreis- muenchen.de. Über die Mail-Adresse elternaufzeit@lra-m.bayern.de oder telefonisch unter 089/6221-2699 können Interessierte direkt mit dem Pflegekinder-Team in Kontakt treten.