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01.12.2016 11:00
Kategorie: Familie - Gesellschaft - Gesundheit - Soziales

Schweigen ist keine Lösung

Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen berichten die Leiterin des Frauenhauses im Landkreis München sowie ein Vertreter der Männerberatung im Landkreis München (MILK) von ihren Erfahrungen

Foto: Die Teilnehmer der Veranstaltung setzten gemeinsam ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen.

Mit der Interventionsstelle Landkreis München (ILM) engagiert sich der Landkreis bereits seit 2012 für Opfer häuslicher Gewalt. 2016 sind zwei neue Angebote dazu gekommen: Im April wurde das erste Frauenhaus im Landkreis eröffnet. Bereits seit Januar 2016 hat Gewaltberater Thomas Bahr von der Brücke Erding im Pilotprojekt "Männerberatung im Landkreis München" (MILK) seine Arbeit aufgenommen. Unter dem Motto "Weil Schweigen keine Lösung ist" berichteten Bahr und die Leiterin des Frauenhauses, Maria Colell, anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen von den Erfahrungen und Erlebnissen der vergangenen Monate und zogen ein erstes Resümee.

Häusliche Gewalt ist auch weiterhin vielerorts ein Tabuthema. Umso wichtiger ist es, dieses Thema ins Bewusstsein zu holen. Hier setzt das Engagement des Landkreises München mit den eingerichteten Serviceangeboten an. "Gerade in Fällen häuslicher Gewalt brauchen die Opfer schnelle und unkomplizierte Beratung und Unterstützung. Oft sind unmittelbare Maßnahmen, wie beispielsweise der Auszug aus der gemeinsamen Wohnung, nötig", so die stellvertretende Landrätin Susanna Tausendfreund, die die Veranstaltung im Festsaal des Landratsamtes eröffnete. "Mit den bisher geschaffenen Beratungsmöglichkeiten ist der Landkreis einigermaßen gut aufgestellt, aber natürlich ist das Angebot noch ausbaufähig", betonte Tausendfreund in ihrer Begrüßung.

Nachdenklich stimmten die Zahlen, die Frauenhaus-Leiterin Maria Colell vom Sozialdienst katholischer Frauen den Zuhörerinnen und Zuhörern anschließend vorstellte. 19 Frauen und 30 Kinder wurden seit Aufnahme der Arbeit im Frauenhaus im April 2016 bereits betreut. Sie stammten unter anderem aus Deutschland, dem Kosovo, der Türkei, Afghanistan oder der Dominikanischen Republik und brächten unterschiedlichste Wertevorstellungen und Lebensläufe mit. Entsprechend intensiv und erlebnisreich seien auch die vergangenen Monate gewesen. "Unser Ziel ist es, dass jede Frau ihren Platz im Leben, in der Gesellschaft findet", so Colell. Für viele Frauen zerbreche mit dem Gang ins Frauenhaus und dem Eingeständnis, Opfer häuslicher Gewalt geworden zu sein, der Wunsch nach einer heilen Familie. Deshalb sei es meist ein enormer Schritt und es dauere lange, bis der Gedanke da wäre: Jetzt reicht's!

Haben sich die Frauen in ihrer neuen Unterkunft akklimatisiert und sind die Rahmenbedingungen geregelt, beginnt die Analyse der Gesamtsituation. Dann stehen Fragen im Vordergrund: Wie konnte es so weit kommen? Wie gehe ich jetzt mit meinem Kind um? Viele Frauen hätten Schwierigkeiten, mit den veränderten Gegebenheiten umzugehen, erläutert Colell. Sie seien mit den üblichen Perspektiven eines selbstbestimmten, selbstverantwortlichen Lebens überfordert. Einige würden auch deshalb nach einiger Zeit wieder zu ihrer Familie zurückkehren.

Täterarbeit ist Opferschutz

Einen vollen Terminkalender hat auch Thomas Bahr, seit er im Januar begonnen hat, wöchentliche Sprechstunden für Männer anzubieten. Die Motivation, warum Männer die Beratung in Anspruch nehmen, ist unterschiedlich: Manche meldeten sich selbst oder wären von ihrer Frau darauf aufmerksam gemacht worden. Ebenso gebe es aber auch Überweisungsfälle von anderen Stellen oder einen Zwangskontext. Hier seien die Gespräche wesentlich schwieriger, da diese Männer oft nicht einsähen, Fehler gemacht und häusliche Gewalt angewendet zu haben. Vielen Männer sei auch nach langen Gesprächen nur schwer zu verdeutlichen, was gewalttätiges Verhalten für ihre Kinder und ihre eigene Rolle als Vater bedeute. Oft gingen die Väter fälschlicherweise davon aus, die Kinder würden nichts mitbekommen, wenn sie nicht im selben Raum sind. Reflexion, Verantwortungsübernahme und Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und dem eigenen Verhalten sind deshalb die Kernziele von MILK.

Etablierte Rollenbilder müssen aufgeweicht werden

Wie wichtig es ist, das Thema häusliche Gewalt anzusprechen und Frauenrechte zu stärken, betonte auch die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Teresa Howorka. Schweigen sei für beide Geschlechter keine Lösung. "Die Erfahrungsberichte aus Frauenhaus und Männerberatung machen deutlich: Auch bei Unterstützungsangeboten rund um das Thema häusliche Gewalt sind traditionelle Geschlechteridentitäten und Rollenbilder weiterhin fester Bestandteil gesellschaftlicher Problemlagen und Handlungsfelder. Frauen, die eines unserer Beratungsangebote in Anspruch nehmen, plagen oft Existenzängste. Sie wissen nicht, wie sie ohne ihren Mann, den 'Ernährer', zurechtkommen können. Oft geben sie sich zumindest eine Teilschuld am Fehlverhalten des Mannes. Bei Männern spielen diese Gedanken in vielen Fällen nur eine untergeordnete Rolle. Hier steht die Konfrontation mit dem eigenen Verhalten im Mittelpunkt. Die Erfahrungen aus der Männerberatung zeigen, vor welcher Herausforderung Thomas Bahr steht, wenn er Eingeständnisse zu Gewalthandlungen sowie Verständnis für Gefühle, Verhalten und Verantwortungsbewusstsein des gewalttätig gewordenen Mannes erarbeitet", erläutert Howorka. Allgemeine Problemlagen, das eigene Verhalten und das Handeln anderer würden von Männern und Frauen unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Um der Entstehung häuslicher Gewalt entgegenzuwirken und eine ganzheitliche Unterstützung zu ermöglichen, seien die Lebenswelten von Frauen und Männern gleichermaßen zu betrachten. Diese müssten sich in den Unterstützungsangeboten widerspiegeln.

Weltweit wehen die Fahnen am internationalen Gedenktag

Der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen, der jährlich am 25. November stattfindet, geht zurück auf die Ermordung der drei Schwestern Mirabal in der Dominikanischen Republik. Wegen ihres politischen Widerstands gegen den Diktator Trujillo wurden sie am 25. November 1960 vom Geheimdienst nach vorangegangener Folter getötet.

Seit dem 25.11.2001 lässt Terre des Femmes gemeinsam mit unzähligen Unterstützerinnen und Unterstützern die Fahnen wehen. In allen Teilen Deutschlands und in den unterschiedlichsten Ecken der Welt werden alljährlich Fahnen und Banner mit der Aufschrift "frei leben - ohne Gewalt" gehisst.

Kontakt zur Interventionsstelle des Landkreises München:

Telefon: 089 / 44 45 40 - 0
E-Mail: interventionsstelle@lra-m.bayern.de

Kontakt zum Frauenhaus im Landkreis München:
Telefon: 089/451 254 99 0
E-Mail: frauenhaus-lkr-muc@skf-muenchen.de

Kontakt zur Männerberatung im Landkreis München:
Mobil: 0176/ 20 81 27 84
E-Mail: thomas.bahr@bruecke-erding.de