Armut im Landkreis München
Sozialausschuss befasst sich mit aktueller Datenanalyse – Gemeindebefragung soll lokale Bedarfe sichtbar machen
Der Landkreis München zählt zu den wirtschaftsstärksten Regionen Deutschlands. Einkommen, Kaufkraft und Beschäftigungsquote liegen deutlich über dem Landes- und Bundesdurchschnitt. Dennoch leben auch hier viele Menschen in Armut oder sind von Armut bedroht. Das zeigt eine aktuelle Datenanalyse der Sozialplanung am Landratsamt München, mit der sich der Sozialausschuss in seiner jüngsten Sitzung befasst hat.
Im Mittelpunkt stand die statistisch messbare monetäre Armut, also die Einkommensarmut. Die Analyse zeigt, wie sich geringe Einkommen auf die Lebenssituation der Betroffenen auswirken – etwa bei Arbeit, Wohnen, Bildung, Überschuldung und gesellschaftlicher Teilhabe.
Fast jeder sechste Landkreisbürger armutsgefährdet
Im Landkreis München gibt es sehr viele Gutverdiener. Durchschnitts- und Medianeinkommen liegen entsprechend hoch. Gleichzeitig ist das Einkommen überdurchschnittlich ungleich verteilt. Gute Durchschnittswerte können deshalb verdecken, dass viele Menschen finanziell stark belastet sind.
Das zeigt sich auch bei der Armutsrisikoquote. Wird der Landesmedian zugrunde gelegt, lebten 2024 rund 7,1 Prozent der Landkreisbevölkerung unterhalb der Armutsrisikoschwelle. Das entspricht etwas mehr als 25.000 Menschen. Werden dagegen die Rahmenbedingungen des Landkreises sowie das Medianeinkommen der örtlichen Bevölkerung bei der Berechnung berücksichtigt, steigt die Quote auf 15,7 Prozent. Damit ist fast jede sechste Person armutsgefährdet. In absoluten Zahlen sind das mehr als 55.000 Menschen.
Im Jahr 2024 erhielten mehr als 16.000 Menschen im Landkreis Leistungen der sozialen Mindestsicherung, unter anderem Grundsicherung im Alter oder Leistungen nach dem SGB II. Die Mindestsicherungsquote lag damit bei 4,6 Prozent. Diese Zahl bildet aber nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Denn sie erfasst nur Menschen, die tatsächlich Leistungen beziehen. Nicht enthalten sind Personen, die Anspruch auf Unterstützung hätten, diese aber nicht beantragen, sei es aus Scham oder fehlender Information. Im Landkreis München könnten geschätzt bis zu 8.000 Menschen betroffen sein. Hinzu kommen Haushalte, die knapp oberhalb der Bemessungsgrenzen liegen oder nur vorgelagerte Hilfen wie Kinderzuschlag oder Wohngeld bekommen, aber wegen der hohen Lebenshaltungskosten dennoch in prekären Verhältnissen leben.
Arbeit, Wohnen und Bildung als zentrale Faktoren
Auch Erwerbsarbeit schützt nicht immer vor Armut. Trotz hoher Beschäftigungsquote waren 2025 mehr als 1.400 erwerbstätige Menschen im Landkreis auf Grundsicherung angewiesen. Gründe sind unter anderem niedrige Löhne, Teilzeit, befristete oder unsichere Beschäftigungsverhältnisse, hohe Wohnkosten und familiäre Belastungen.
Die Wohnsituation ist ein weiterer zentraler Armutsfaktor. Hohe Mieten und ein knappes Angebot an bezahlbarem Wohnraum belasten vor allem Haushalte mit geringen Einkommen. Eine Mietbelastung von mehr als 30 Prozent des Haushaltseinkommens gilt als kritisch, weil dann weniger Geld für andere Lebenshaltungskosten bleibt und damit das Risiko für Überschuldung und soziale Ausgrenzung steigt.
Auch Bildung steht in engem Zusammenhang mit Armutsrisiken. Gute Bildungsabschlüsse verbessern die Chancen auf stabile und besser bezahlte Arbeit. Der Landkreis weist insgesamt gute Bildungswerte auf. Aber auch hier ist beispielsweise ein Anstieg bei Schulabgängen ohne Abschluss und vorzeitig gelösten Ausbildungsverträgen zu beobachten.
Kinder, Alleinerziehende und Senioren besonders gefährdet
Besonders von Armut gefährdet sind Kinder, Jugendliche, Alleinerziehende, Seniorinnen und Senioren sowie Menschen mit Migrationshintergrund. 2025 lebten mehr als 2.900 Kinder unter 15 Jahren in Bedarfsgemeinschaften nach dem SGB II. Diese Zahl erfasst jedoch nicht alle Kinder in Armut. Nicht berücksichtigt sind etwa Familien, die keine Leistungen beantragen, knapp oberhalb der Leistungsgrenze liegen oder durch hohe Wohnkosten stark belastet sind.
Alleinerziehende sind besonders häufig betroffen. Rund 11.500 Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern leben im Landkreis. Sie stellen etwa jeden fünften Haushalt mit Kindern, machen aber mehr als 60 Prozent der Haushalte mit Kindern aus, die Grundsicherung beziehen.
Auch Altersarmut gewinnt an Bedeutung. 2024 bezogen mehr als 2.100 Menschen im Landkreis Grundsicherung im Alter. Die Zahl steigt seit 2020 kontinuierlich. Besonders betroffen sind Frauen sowie ausländische Seniorinnen und Senioren. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer: Studien gehen davon aus, dass bis zu 60 Prozent der Anspruchsberechtigten Grundsicherung im Alter nicht beantragen.
Gemeindebefragung als nächster Schritt
Der Sozialausschuss hat sich eingehend mit der vorgelegten Analyse auseinandergesetzt und die Verwaltung beauftragt, im nächsten Schritt eine Gemeindebefragung durchzuführen. Ziel ist es, die statistischen Daten durch lokales Wissen zu ergänzen und Handlungsschwerpunkte abzuleiten. Auch Best-Practice-Beispiele sollen erfasst und den anderen Kommunen zur Verfügung gestellt werden.
Landrat Christoph Göbel betonte: „Die Datenanalyse zeigt uns sehr deutlich, dass Armut auch in einem wirtschaftlich starken Landkreis wie dem unseren ein ernstes Thema ist. Die geplante Gemeindebefragung ist deshalb eine wichtige Ergänzung. Unsere Städte und Gemeinden wissen oft sehr genau, wo Menschen in schwierigen Lebenslagen sind, vor allem auch dann, wenn sie offiziell nicht unter die allgemeinen Bemessungsgrenzen fallen. Das sind Familien, die sich die Schulfahrten für ihre Kinder nicht leisten können, Menschen, die auf Tafeln angewiesen sind, oder Haushalte, die trotz Einkommen jeden Monat an ihre Grenzen kommen. Wir müssen uns diesen Themen dringend stellen. Und wir müssen gemeinsam mit den Kommunen im interkommunalen Dialog Lösungen finden.“
Weitere Informationen zum Thema Armut und anderen spannenden Themen gibt es im Kommunalatlas des Landkreises München unter: https://kommunal-atlas.de/atlas/muenchen

