Krisen bewältigen gelingt nicht allein
Zweite Bildungskonferenz des Landkreises München nimmt psychische Gesundheit und Resilienz von Kindern und Jugendlichen in den Blick

Tauschten sich in einer Podiumsdiskussion zur Frage „Kann der Landkreis Mental Health?“ aus (v. l. n. r.): Tobias Blenk, Leitender Psychotherapeut des Klinikbereichs München am kbo-Heckscher-Klinikum; Sarah Stadler, Leiterin des Referats „Kinder, Jugend und Familie“ im Landratsamt München; Stefan Ambrosi, Schulleiter der Johann-Andreas- Schmeller-Realschule Ismaning; Louisa Krebs, 1. Bezirksschülersprecherin der Gymnasien in Oberbayern-Ost; Martina Neubauer, Leiterin der Stabsstelle Kreisentwicklung; Bildungsinnovatorin Margret Rasfeld von „Schule im Aufbruch“ und Marcus Fink, Geschäftsführer des Kreisjugendrings München-Land.
Krisen und psychische Belastungen gehören für viele Kinder und Jugendliche zunehmend zum Alltag. Wie gut junge Menschen damit
umgehen können, hängt jedoch nicht allein von ihrer persönlichen Widerstandskraft ab. Sie brauchen verlässliche Beziehungen, Unterstützung und die Möglichkeit, ihr Umfeld mitzugestalten. Diese Erkenntnis stand im Mittelpunkt der zweiten Bildungskonferenz des Landkreises München am 26. Oktober 2026 im Berufsinformationszentrum München.
Unter dem Titel „Krise als Normalzustand? Resilienz reloaded – was brauchen Kinder und Jugendliche im Landkreis München heute?“ diskutierten Fachleute aus Bildung, Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie gemeinsam mit jungen Menschen darüber, was ein psychisch gesundes Aufwachsen unterstützt und welche Verantwortung dabei die verschiedenen Systeme tragen.
Resilienz braucht Unterstützung
Tobias Blenk, Leitender Psychotherapeut des Klinikbereichs München am kbo-Heckscher-Klinikum, beschrieb Resilienz als „Immunsystem der Seele“. Angesichts zunehmender psychischer Belastungen komme es darauf an, die seelische Widerstandskraft von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Sie helfe dabei, schwierige Situationen zu bewältigen und handlungsfähig zu bleiben.
Margret Rasfeld von „Schule im Aufbruch“ bezeichnete Entfremdung als zentrales gesellschaftliches Problem. Kinder erlebten zunehmend eine organisierte Kindheit mit weniger Autonomie und echten Erfahrungsräumen. Darin liege das Paradox moderner Kindheit: Trotz wachsender Fürsorge erhielten sie immer weniger Möglichkeiten, ihr Leben selbst zu gestalten. Rasfeld betonte, dass Beziehung, Verbundenheit und Empathie entscheidend seien.
Die Perspektive der Jugendlichen einbeziehen
Chiara Wackermann aus dem Arbeitskreis „Stimme der Jugend“ machte deutlich, dass Jugendliche heute vielen Belastungen und Krisen gleichzeitig ausgesetzt sind. Sie bräuchten deshalb im „Krisenregen“ erlernte „Regenschirme“, die ihnen helfen, mit schwierigen Situationen umzugehen. Die Jugendbefragung im Landkreis München zeige zugleich, dass die Zuversicht junger Menschen abnimmt. Für Wackermann ist Resilienz deshalb keine rein individuelle Leistung. Sie entstehe auch durch soziale Verbundenheit, Beteiligung und verlässliche Strukturen. Entscheidend sei die Frage, wie junge Menschen so unterstützt werden können, dass sie Belastungen nicht allein bewältigen müssen.
Auch Jugendamtsleiterin Sarah Stadler betonte die Bedeutung von Zusammenarbeit. Das Jugendamt sei in Krisensituationen häufig eine der ersten
Anlaufstellen. Um komplexe Situationen zu verstehen, brauche es unterschiedliche Perspektiven und den Willen, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, statt sich allein auf Diagnosen oder Problembeschreibungen zu konzentrieren. „Nicht jeder muss alles können – und wir sind mit den Herausforderungen nicht allein“, sagte Stadler. Entscheidend sei, die eigenen Grenzen anzuerkennen, die Kompetenzen anderer einzubeziehen und tragfähige Netzwerke aufzubauen. Denn gerade in Krisen zeige sich, wie wichtig eine verlässliche Zusammenarbeit und das gemeinsame Entwickeln von Lösungen sind.
Mehr Raum für Beteiligung
In der Podiumsdiskussion „Kann der Landkreis Mental Health?“ sprach sich Stadler dafür aus, Jugendbeteiligung auf kommunaler Ebene stärker zu verankern. Dabei müssten auch diejenigen erreicht werden, die bislang kaum Zugang zu Beteiligungsformaten haben. Auch die Verwaltung müsse neue Wege finden, junge Menschen und ihre Sichtweisen einzubeziehen.
Louisa Krebs, 1. Bezirksschülersprecherin der Gymnasien in Oberbayern-Ost, lenkte den Blick auf den Schulalltag. Schülerinnen und Schüler müssten dort ständig Fragen beantworten und Prüfungen bestehen. Gleichzeitig brauche es mehr Räume, in denen sie selbst gefragt werden, was sie interessiert und beschäftigt. Junge Menschen sollten Gelegenheit haben, eigene Fragen zu stellen und ihre Lebenswelt mitzugestalten.
Austausch soll weiterwirken
Beim abschließenden „Markt der guten Praxis“ präsentierten Akteure aus dem Landkreis ihre Angebote und Projekte. Zugleich bot sich Gelegenheit, bestehende Kontakte zu vertiefen und neue Verbindungen zwischen Bildung, Jugendhilfe und Gesundheit zu knüpfen.

